Wie klingt das Recht? | Recht anschaulich


Aktuelle Einträge

Kategorien

Letzte Kommentare

  • Thomas Braun: Sehr spannend, Herr Röhl – als Naturwissenschafter und Jurist versuchen wir seid ein paar Jahren das Analytische und das...
  • Dagonet: 9(13):7 bedeutet 9. Jahrgang, Heft Nr 13, Artikel Nr 7
  • Natterer: Am Rande erwähnt sei, dass Juristen nach neuester Umfrage der Berliner Kanzlei Dr. Schmitz & Partner per Dato zu 73% an der...

Archiv

Meta



Wie klingt das Recht?

Beitrag von Klaus F. Röhl vom 16. November 2009 aus der Kategorie Verschiedenes, Visuelle Rechtskommunikation | Keine Kommentare »

»Recht und Musik« ist den Lesern dieses Blogs schon vertraut. Die Suche nach dem multisensorischen Recht lässt mich das Thema noch einmal aufgreifen.
Welche Antworten könnte eine Umfrage nach dem Klang des Rechts wohl erwarten? Klingt das Recht hart oder scharf, laut oder dissonant, nach Dur oder Moll?
Dumme Frage, werden manche sagen, und die Antwort verweigern. Vermutlich sind das dieselben, die sich vor Jahren über die glücklichen Kühe amüsiert haben, die bei Mozart-Musik mehr Milch gaben. Nur Mut! Ein bisschen elaborierter ausformuliert und in das übliche Antragskauderwelsch übersetzt ist die Frage fast eine Million Euro an Drittmitteln wert. An der Universität Duisburg-Essen gibt es ein Labor für Organisationsentwicklung unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Stark. Dort läuft seit einiger Zeit ein Projekt über »Organisationskultur und Musik«, das von Bund und EU mit insgesamt 953.233 EUR unterstützt wird.
Eingangs der im Internet verfügbaren Projektbeschreibung zitiert der Projektleiter sich selbst:1

Könnte man die Qualität von Organisationen oder Organisationseinheiten und ihrer Kultur in Musik umsetzen, so würde man hören, ob die Qualität von Arbeitsprozessen oder Entscheidungen, von Arbeitsgruppen, Abteilungen oder ganzen Organisationen »gut oder schlecht« ist – und unter besonders günstigen Umständen würde man sogar den Musikstil hören können.

Stellen Sie sich den Klang Ihrer Organisation oder Ihres Unternehmens, Ihrer Arbeitseinheit oder Abteilung vor: vernehmen Sie mehr Dissonanzen oder mehr Harmonien? Ist die Musik langsam und getragen oder lebendig und anregend? Was ist der Grundrhythmus Ihrer Organisation? Hören Sie Klassik, Jazz oder Techno…?

Das Zitat ist das Programm. Bei so üppigen Drittmitteln ist auch Geld für einen bunten Flyer übrig. Dort liest man:

… Kulturen und Interaktionen in Organisationen werden vor allem über Zeichen und kognitiv-visuelles Material (Grafiken, Sprache) analysiert und vermittelt – eine Beschränkung, die die wichtigen nicht-kognitiven Elemente innovativer Organisationskultur ausblendet. … Könnten die Organisationskulturen, in denen gelebt und gearbeitet wird, klanglich bzw. musikalisch hörbar gemacht werden, wäre dies eine Möglichkeit, das im Arbeitsalltag fast ausschließlich genutzte Kommunikations-medium ›Sprache‹ sensorisch-emotional zu ergänzen.

Das könnte auch aus dem Artikel von Frau Brunschwig über multisensorisches Recht stammen.
Das Duisburger Projekt hat also zum Ziel, die Unternehmenskultur »über den Kanal der Musik wahrnehmbar« zu machen und »als Feedback an die Führungskräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter« zurück zu spiegeln, in der Hoffnung dadurch einen Impuls zur Selbstreflexion und zur Veränderung der Organisation zu setzen.2.
Eine gewisse Skepsis kann ich nicht verhehlen. Wenn es darum geht, Veränderungsprozesse in Organisationen anzustoßen – und das ist anscheinend von Zeit zu Zeit notwendig – , dann kommt es nach allem, was ich bisher beobachtet habe, gar nicht auf die Inhalte an, nicht auf direkt zweckrationale Maßnahmen – die sich auch auf die Manipulation von Emotionen usw. richten können – , sondern darauf, dass überhaupt etwas Außerordentliches geschieht. Da kann man sich anfassen, tanzen, gemeinsam singen oder eben nach passenden Tönen suchen. Es muss nur gelingen, den Menschen in der Organisation den »Anstoß« als ernsthaft darzustellen. Dazu nimmt man am besten Wissenschaftler. Außerdem ist es hilfreich zu zeigen, dass man sich die Sache Geld kosten lässt.

Nachtrag vom 8. 1. 2010: Jetzt habe ich endlich von der UB den Band »Empowerment. Neue Perspektiven für psychosoziale Praxis und Organisation«, herausgegeben von Albert Lenz und Wolfgang Stark, Tübingen 2002, erhalten und darin die Quelle für das ausführliche Zitat im Text oben gefunden. Es stammt aus einem Beitrag von Stark mit dem Titel »It dont’t mean a thing, if you ain’t got that swing. Erfahrungen und Herausforderungen des psychosozialen Bereichs in der Verbindung von Werten und Management« (S. 213-225). Das Zitat war als Motto dem Beitrag vorangestellt, freilich war dort von der Qualität »einer Freizeitstätte, einer Beratungsstelle, einer Volkshochschule oder eine ambulanten Pflegeeinrichtung« die Rede. Der Text, in dem es um das Neue Steuerungsmodell und Qualitätsstandards nach DIN EN ISO 9000-9004 geht, führt dieses Motto nicht weiter aus, sondern nimmt nur metaphorisch auf Musik Bezug. S. 218 heißt es einleitend vor einem Unterabschnitt, beteiligungsorientiertes Qualitätsmanagement sei »ein Instrument im Konzert anderer Verfahren zur Modernisierung und Effektivierung öffentlicher Dienstleistungen«. Schließlich wird die Musikmetapher auf S. 224 unter der Überschrift »Dissonanz oder Wohlklang?« breit getreten: »Vergleicht man das notwendige Zusammenspiel mit der Welt der Musik, so könnte man sagen, dass es … ein festes Regelwerk der Musik gibt: Aufzuzählen sind hier z. B. Regeln der Rhythmik, Tonarten, die Struktur der Stücke, die Notation. In diesem Regelwerk liegt das gesammelte Erfahrungswissen der Musikgeschichte. In ähnlicher Weise könnten die Fachstandards in der sozialen Arbeit oder anderer fachlicher Arbeit gesehen werden. … Die Einhaltung der Fachstandards macht alleine jedoch noch keine Qualität aus, genauso wenig wie die Regeln des Tonsatzes oder die korrekte Notation noch kein gutes Musikstück ergeben. Dazu braucht man Fantasie, Kreativität, Gespür, Fingerfertigkeit und den Willen zu üben und sich immer wieder zu verbessern. … Aber Musik bewirkt auch etwas, löst Gefühle wie Freude und Traurigkeit aus, verzaubert Menschen oder kann sogar heilen. Das sind die Wirkungen, die Effekte von Musik die – wie die Wirkungen in der sozialen Arbeit – ebenfalls nicht einfach zu messen sind und eigene Zugänge erfordern.« Am Ende erfahren wir dann noch, dass die englische Überschrift ein Zitat von Count Basie war. Nun ja, die Musikmetapher passt gut. Aber es eben doch nicht die Musik selbst, in der sich die Qualität der Organisation abbildet oder gar beeinflusst.

  1. Die Fundstellenangabe »Wolfgang Stark 2002, S. 213« führt im OPAC zu einem Buch mit dem Titel »Geschichten der Bibel für die Kleinsten im Kindergottesdienst«.
  2. Hier noch ein Zeitungsbericht aus der WAZ vom 17. Juli 2009.
Tags
, ,

Empfohlene Zitierweise
Klaus F. Röhl: Wie klingt das Recht?. Beitrag in Recht anschaulich, 16. November 2009, abrufbar unter http://recht-anschaulich.lookingintomedia.com/?p=811
[Artikel drucken] Share


Kommentieren Sie diesen Eintrag