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Wer nicht sehen will, muss fühlen. Eine Kritik der Rede vom multisensorischen Recht (Teil II)

Beitrag von Klaus F. Röhl vom 5. Februar 2012 aus der Kategorie Visuelle Rechtskommunikation | Keine Kommentare »

(Fortsetzung des Beitrags vom 29. Januar 2012)

III. Multisensorisches Recht: Konzept oder Themenfeld?
Frau Brunschwig hat ihre Vorstellungen 2011 noch einmal in einem großen Aufsatz, sozusagen in einer Programmschrift erläutert, ergänzt und zusammengefasst.1 Die neue Wissenschaftsdisziplin soll sich »mit der (audio-)visuellen und multisensorischen Repräsentation und Kommunikation von rechtlichen Inhalten« auseinandersetzen.2 Sie soll »die Produkte des visuellen, des audiovisuellen und des multisensorischen Rechts« untersuchen, »deren Produktion, Rezeption und Wirkung … sowie die zeitlichen, räumlichen sozialen, ökonomischen, rechtlichen, technischen und kulturellen Kontexte dieser Produkte« erforschen. Von den alten Fächern könnten die daraus folgenden Fragestellungen nicht mehr bewältigt werden. Die neue Disziplin wird innerhalb der Rechtswissenschaft angesiedelt. Die Idee, es könne sich um ein interdisziplinäres Vorhaben »extra muros jurisprudentiae« handeln wird ebenso zurückgewiesen wie der Gedanke an ein neues »Law-and-Some-Thing« Angebot (2011:616). Erst Recht die Annahme, es könne sich um ein bloßes Konzept handeln, wird verworfen.3 Die multisensorische Phänomene sollen sowohl auf der Objektebene des Rechts als auch auf der Metaebene der Aufbereitung durch die Jurisprudenz behandelt werden (2011:584). Als Recht seien aber nicht nur die formellen Rechtsquellen zu bedenken, sondern auch die Praxis sowohl der Institutionen wie der privaten Akteure, ja die ganze Rechtskultur einschließlich ihrer volkskulturellen Emanationen (2011:588-591).
Lachmayer, der aus dem Lager der Rechtsinformatik kommt, meint, »zu den strategischen Perspektiven der Rechtsinformatik gehör[e] … der Ansatz des Multisensorischen Rechtes, dem es gelinge, die bisherige Textualität der Rechtsinformation zu überwinden und völlig neue Entwicklungslinien aufzuzeigen.«4 Dieser Gedanke wird jedoch nicht weiter ausgeführt. 5 Brunschwig beschließt ihre Programmschrift (2011:654) mit dem Aufruf: » I very much hope that new environments will be created in which (legal) scholars and practitioners can cooperate to realize the vision of multisensory law. Whatever the circumstances, we should most certainly continue or at least begin to aspire to multisensory legal literacy.« Zusammenfassend kann man sagen, das MSR soll die Aufmerksamkeit auf der Ebene der Wahrnehmung von rechtlich relevanten Objekten und Vorgängen, auf der Ebene der Rechtskommunikation und bei den Verbreitungsmedien auf nicht verbal fixierte Vorgänge und Inhalte lenken.
Es ist kein Geheimnis, dass ich die Rede vom Multisensorischen Recht für verfehlt halte. Dann stellt sich aber sofort die Frage, warum ich mich damit so ausführlich befasse. Ein Grund liegt darin, dass ich mich bisher in meinen Blogs nur spöttisch oder ironisch zur Sache geäußert habe und meine, dass ich Frau Brunschwig und ihren Anhängern nun doch eine sachliche Anstrengung schulde. Der zweite Grund liegt darin, dass mich der Erfolg des Gruppenforums nicht ruhen lässt. Ich betreibe selbst seit etwa drei Jahren zwei Wissenschaftsblogs und eine Internetbegleitseite zu einem konventionellen Lehrbuch. Dabei habe ich die Szene beobachtet und auch erfahren, wie schwer es ist, im Web 2.0, dass doch eigentlich für Interaktivität steht, andere zum Mitmachen zu bewegen, jedenfalls wenn es um so spezielle Themen geht und ein starker institutioneller Hintergrund fehlt. In den USA mag das anders sein. Aber hierzulande ist ein Wissenschaftsforum mit 50 Teilnehmern, von denen viele aktiv sind, eine Ausnahme. Wenn sich so viele für die Thematik interessieren, dann könnte an der Sache etwas dran sein, und es lohnt sich vielleicht, ihr auf den Grund zu gehen. Am Ende wird dabei herauskommen, dass die Rede vom »Multisensorischen Recht« ein inhomogenes Themenfeld im Blick hat, aber keinen neuen wissenschaftlichen Ansatz bietet, um auch nur Teile dieses Feldes zu bearbeiten. Aber es wird sich auch zeigen, dass hier auf juristischer Seite ein Gespür für Fragen erkennbar ist, die man nicht übergehen darf. Allerdings gibt es doch schon sehr viel mehr Antwortversuche, als die Forumsteilnehmer bisher wahrgenommen haben. Wenn man eine neue Disziplin ausruft, so hat das eine Verblendungswirkung, die Wirkung nämlich, dass man gar nicht mehr zur Kenntnis nimmt, was andere schon zum Thema beigebracht haben. Das ist eigentlich eine typische Krankheit der Kulturwissenschaften. In diesem Falle sind es aber gerade die Kulturwissenschaften, die im so genannten sensual turn die Thematik schon weitgehend besetzt haben.

IV. Die Ordnung des Themenfeldes
Nach dieser langen Einleitung wird es Zeit, die Gegenstände vorzustellen, denen das Label »multisensorisches Recht« angeheftet wird ist. Sie tauchen in den Schriften von Frau Brunschwig und in den Referaten der Salzburger und Münchner Tagungen und in den Beiträgen des Internetforums auf. Es liegt nahe, die Einzelthemen den fünf Sinneskanälen zuzuordnen, und so geschieht es im MSR-Internetforum. Das lässt sich leicht kritisieren. Aber es ist nicht einfach, eine Alternative zu finden. Das Multisensorische ist nicht bloß so gemeint, dass überhaupt alle fünf Sinneskanäle zu bedenken seien, sondern stellt gleichermaßen darauf ab, dass meistens mehrere Sinne simultan aktiv sind.
Die zweite Schwierigkeit resultiert daraus, dass Auge und Ohr dominieren und für die anderen Sinne nicht viel zu tun bleibt. Das zeigt sich oberflächlich am Ungleichgewicht der Beiträge im Internetforum. Geschmack, Geruch und Tastsinn sind zwar an der Aufnahme von Signalen beteiligt. Aber anders als die Signale, die von Augen und Ohren empfangen werden, dienen jene – von der Brailleschrift einmal abgesehen – gewöhnlich nicht der Kommunikation. Zwar kennt die Ethnologie Beispiele für eine nichtpropositionale Verständigung, etwa durch Rituale. Die rechtliche Relevanz von Geruch, Geschmack und Körperwahrnehmung ist aber so fernliegend, dass ich bisher eher geneigt war, darüber Witze zu machen.

Graphik aus Brunschwig 2011

Gravierender ist der Umstand – und hier beginnt die Kritik der Rede vom multisensorischen Recht – zeigt sich darin, dass die Aufteilung auf die fünf Sinne zu kurz greift. Jenseits der physiologischen Wahrnehmungskanäle geht es auch um ein mehr oder weniger ganzheitliches Körpergefühl, um Hunger und Durst, Schmerz und Lust und andere Befindlichkeiten, für die wir keine gängigen Kategorien haben. Im Themenfeld des MSR spielt das ganzheitliche Körpergefühl als Kinästhesie eine Rolle. Natürlich fällt auch das Stichwort Neurowissenschaften (Brunschwig 2011:582f.). Was man von ihnen lernen könnte, bleibt jedoch bisher offen. Meine Kritik beschränkt sich insoweit darauf, dass die Differenz nicht hinreichend expliziert wird.
Ich kann hier gleich noch einen zweiten Kritikpunkt anschließen, nämlich die unzureichende Differenzierung zwischen Sinneswahrnehmung und Gefühlen im Sinne von Emotionen.6 Sie zeigt sich am Beispiel der Victim-Impact-Videos, die deshalb zum Thema geworden sind, weil sie die Jury des Schwurgerichts emotional beeinflussen können. Zwischen den Emotionen und der kognitiven Ebene stehen außerdem noch die von der Psychologie so genannten Attitüden, die in der Richtersoziologie eine große Rolle spielen.
Ein dritter Kritikpunkt folgt daraus, dass die Zuordnung zu bestimmten Sinneskanälen oft sekundär erscheint, während primär bestimmte Medien, vor allem natürlich Schrift, Bild und Ton, angesprochen werden. Was Auge und Ohr betrifft, so leidet die Rede vom multisensorischen Recht von vornherein darunter, dass sie nicht zwischen Wahrnehmung, Kommunikation und Medien unterscheidet. Vieles von dem, was vorgebracht wird, betrifft gar nicht die Wahrnehmung, sondern die Medien, insbesondere Bilder und Videos. Dieser Bruch lässt sich aber halbwegs kitten, wenn man mit Hilfe von Sachs-Hombach7 zwischen wahrnehmungsnahen und arbiträren Medien unterscheidet. Ein Medium ist der physische Träger einer Zeichenmenge. Sind die Zeichen arbiträr codiert, so handelt es sich um ein arbiträres Medium. Das wichtigste arbiträre Zeichensystem bildet die Sprache, ganz gleich ob gesprochen oder geschrieben. Dagegen sind gegenständliche Bilder nicht von vornherein codiert und bilden insofern wahrnehmungsnahe Medien. Deshalb ist es berechtigt, im Blick auf Bilder das Sensorische zu betonen.8 Und es ist naheliegend, dass die Aufmerksamkeit vor allem körpergebundenen Kommunikationsakten dient. Von McLuhan stammt bekanntlich der Gedanke, dass man die Medien als Extensionen der Sinne ansehen kann. Wenn man danach Foto und Videokamera Extensionen des Auges, Telefon und Radio als Extensionen des Ohres ansieht, ist die Einbeziehung auch dieser Medien in den Gegenstandsbereich des multisensorischen Rechts begründet. Durch die Einbeziehung der Medien erweitert sich der Themenkreis.
All das bleibt aber immer noch hinter dem Dreh des so genannten sensual turn zurück. Der Blick auf die Sinne wird auf einen physiologischen, individualpsychologischen und vielleicht noch medienwissenschaftlichen Winkel reduziert. Die sinnliche Erfahrung erscheint als physischer Eindruck, der durch die individuelle Biographie und durch die Medien geprägt wird. Offen bleibt, wie die sinnliche Erfahrung durch kulturelle Praktiken geformt wird. Aisthesis ist aber nicht bloß physiologische Reaktion nach Maßgabe individueller Anlage. Alle kulturellen Praktiken, alle sozialen Werte, alles Recht nehmen ihren Weg durch das Sensorium. Der Anblick eines Kunstwerks, der Duft eines Parfums, der Genuss einer Mahlzeit, das alles vollzieht sich auf einem kulturell elaborierten Niveau. Mit einem Beispiel: Wer neben der Kirche und in der Kirche aufgewachsen ist, dem ist das Läuten der Kirchenglocken, selbst wenn es ihn aus dem Schlaf holt, ein willkommener Klang, der Ruf eines Muezzins dagegen ein eher störendes Geräusch. So lernen wir kulturelle und soziale Differenzen durch unsere Sinne. Jedes Feld sinnlicher Wahrnehmung ist zugleich die Arena für soziale Rollen und Interaktionen. Daraus folgt erst recht, dass die Rede vom MSR nicht auf die Betätigung der Sinnesorgane reduziert werden muss und dass eine Zuordnung der Themen zu den Sinneskanälen nicht wirklich zufrieden stellt. Draus folgt aber auch, dass das Thema uferlos wird.
So lässt sich kritisieren, dass in den Papieren und Diskussionen der MSR-Gruppe eine hinreichende Differenzierung
– zwischen Sinneswahrnehmung und körperlicher Befindlichkeit,
– zwischen Körpergefühl, Emotion und Attitüden und schließlich
– zwischen Wahrnehmung, Kommunikation und Medien
– zwischen der physischen Wahrnehmung und ihrer kulturell geprägten Perzeption
fehlt. Aber eine befriedigende Alternative habe ich nicht.
Um näher an das Recht heranzukommen, will ich hier versuchen, die Themenstichworte – mehr wird in den meisten Fällen nicht angeboten – unter funktionalen Gesichtspunkten zu gliedern. Der leitende Gesichtspunkt ist dabei der Bezug zu einem abgrenzbaren Bereich des Rechtsbetriebs. Dazu habe ich die Beispiele, die von Frau Brunschwig in ihren Veröffentlichungen und von ihr und anderen in den Forumsbeiträgen angeboten werden, teilweise durch eigene ergänzt. Auch solche, die ich in eher kritisch-ironischer Absicht notiert hatte, fügen sich zwanglos in die Themensammlung ein.
[Fortsetzung folgt.]

  1. Colette R. Brunschwig, Multisensory Law and Legal Informatics – A Comparison of How These Legal Diciplines Relate zu Visual Law, in: Anton Geist u. a. (Hg.), Strukturierung der Juristischen Semantik – Structuring Legal Semantics, Festschrift für Erich Schweighofer, Bern 2011, S. 573-667. Dieser Aufsatz wird in dem folgenden Text nur mit Jahreszahl und Seitenzahl zitiert.
  2. Colette R. Brunschwig, Rechtsvisualisierung – Skizze eines nahezu unbekannten Feldes. In: Multimedia und Recht, 2009, S. VI.
  3. Brunschwig, Multisensory Law Does Neither Amount to Visual Law Nor to Multimedia Law, Forumsbeitrag vom 31. 3. 2011.
  4. Friedrich Lachmayer, Forumsbeitrag vom 8. 5. 2010 mit angehängter PowerPoint Präsentation. In einem anderen Forumsbeitrag stellt Lachmayer – anscheinend ernsthaft – »die Frage, wie ein dreidimensionales haptisches Normmodell aussehen würde«. (Friedrich Lachmayer, Forumsbeitrag vom 19. 1. 2010 »Multisensorisches Recht und multisensorische Rechtstheorie«). Er betont zwar einerseits die »kognitive Seite des Rechts«, hält es aber für nicht weniger wichtig, sich den »kognitiven Tiefenstrukturen des Rechts« zuzuwenden und findet in der Konzeption des multisensorischen Rechts den dazu geeigneten »methodischen Paradimenwechsel«. [1. Friedrich Lachmayer, Forumsbeitrag vom 14. 6. 2010 mit angehängter PowerPoint Präsentation.
  5. Lachmayer hat aber eine »Visualisierung der Theorie des Multisensorischen Rechts« in Gestalt einer PowerPoint Präsentation angeboten, die ich nicht wirklich verstehe: Forumsbeitrag vom 10. 2. 2010 mit anhängender PowerPoint Präsentation.
  6. Eine knappe Einführung in die Bedeutung der Emotionen für Perzeption, Gedächtnis und Handeln geben Gerhard Roth/Ursula Dicke, Das emotionale Gedächtnis. Wie Gehirn, Verstand und Gefühle im limbischen System zusammenspielen, in: Freie Hansestadt Bremen Der Senator für Bildung und Wissenschaft (Hg.), Neuro- und Kognitionswissenschaften. Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Land Bremen 2006, S. 9-10.
  7. Klaus Sachs-Hombach, Das Bild als kommunikatives Medium, 2. Aufl., 2006, S. 86 ff; ders., Vom Text zum Bild – Wege für das Recht, in: Eric Hilgendorf (Hg.), Beiträge zur Rechtsvisualisierung, 2005, S. 163-187, 167.
  8. Damit würde allerdings die Beschäftigung mit logischen Bildern usw. aus dem Gegenstandsbereich des MSR herausfallen. Aber die personelle und organisatorische Nähe zur Rechtsinformatik hat zur Folge, dass auch die abstrakten und beliebig verabredeten Symbolsprachen unter dem das des MSR behandelt werden.
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Klaus F. Röhl: Wer nicht sehen will, muss fühlen. Eine Kritik der Rede vom multisensorischen Recht (Teil II). Beitrag in Recht anschaulich, 5. Februar 2012, abrufbar unter http://recht-anschaulich.lookingintomedia.com/?p=1653
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